Objektiv-Verkäufe 2020 - Kit-Zooms weiter im freien Fall?
veröffentlicht am 15.03.2021 - aktualisiert am 16.03.2021 in * FOTOTECHNIK *
Inhaltsverzeichnis
Vor knapp 2 Monaten geisterte eine Meldung durch die Fotopresse, Nikon habe oder werde die Einsteigerkameras D5600 & D3500 vom Markt nehmen. Was hat das mit Objektiven zu tun? Wir werden sehen …
Objektiv-Verschiffungszahlen:
Zunächst hier die rohen Zahlen, wie sie von der CIPA (Camera & Imaging Products Association) erfasst und veröffentlicht werden:
Zahlen weltweit
Die Zahlen zeigen dieselbe Spitze im Jahre 2012 wie sie von den Kameraverkaufszahlen her bekannt ist. Weiters ist interessant, daß der steile Anstieg davor wie der ebenso steile Abfall danach i. W. auf das Konto der APS- (und kleiner) Zooms geht, es sich also wohl i. W. um Kitlinsen handelt, die mit den Kameras verkauft wurden. Demgegenüber liegen die Verkaufszahlen der Festbrennweiten unabhängig vom Sensorformat sowie der Vollformat-Zooms auch nach dem Maximum auf vergleichsweise konstantem Niveau - aber ein signifikanter (corona-bedingter?) Einbruch in 2020 ist natürlich nicht zu übersehen.

An dieser Stelle gibt es wenig Überraschendes: Vollformat-Objektive sind nun mal teuerer, in der Regel aus zwei Gründen: soliderer mechanischer Aufbau und größere, weil lichtstärkere Linsen. Die kleinen Objektive drücken aufgrund ihrer großen Zahl den Durchschnittspreis (rote Kurve) erheblich.
Schaut man aber genauer hin, dann zeigen sich doch signifikante Unterschiede in den beiden Geräteklassen:
- Im Vollformat liegen die durchschnittlichen Preise für Zoom-Objektive beinahe auf dem doppelten Niveau der Festbrennweiten - und das seit 10 Jahren m. o. W. gleichbleibend.
- Im Bereich der kleineren Sensorformate ist’s genau umgekehrt: Hier sind die Festbrennweiten die Preistreiber, die Zooms drücken aufgrund ihres hohen Anteils am Gesamtvolumen auch den Gesamt-Durchschnittspreis.
Zahlen für Europa

Die Verschiffungszahlen nach Europa zeigen prinzipiell ähnliche Verläufe wie die weltweiten Zahlen: hohe Spitze bei den “kleinen Kit-Zooms”, vergleichsweise flache Verläufe bei Festbrennweiten und Vollformat-Zooms.

Es gilt hier das schon bei den weltweiten Zahlen Geschriebene.
Weitergehende Überlegungen, Zusammenhang zum Kameraverkauf
Schaut man sich die Kameraverkaufszahlen an, dann stellt man fest, daß die Gesamtverkaufszahlen sowohl im Jahre 2005 als auch 2020 auf annähernd gleichem Niveau befinden. Das Maximum im Jahre 2012 liegt auf dem 5-fachen Volumen.
Nun der Vergleich zu den Objektivzahlen:
Der grundsätzliche Verlauf der Kurven ist hier sehr ähnlich, solange es um die Gesamtzahlen, aber auch die Zooms für die kleineren Sensorformate geht.
- Gesamtzahlen:
Das Maximum in 2012 liegt beim 4,3-fachen Volumen des Anfangsvolumens von 2005 (und dem ungefähren Volumen von heute) - Zooms für kleinere Sensorformate:
Das Maximum in 2012 liegt beim 5,5 bis 6-fachen Volumen des Anfangsvolumens von 2005 (und dem ungefähren Volumen von heute)
Schaut man sich die Preisverläufe an, so sieht man hier ein Minimum im Jahre 2012 für die Zooms und Gesamtzahlen für die kleinen Sensorformate.
Weiters liegen die Preise für diese Zooms insgesamt mit Abstand am niedrigsten - man kann also mit hoher Sicherheit davon ausgehen, daß es sich hier überwiegend um Einsteiger-Kit-Linsen handelt.
Nachdem APS-Kit-Linsen nicht kompatibel sind mit Vollformat-Kameras, kann man ebenso mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß der scharfe Einbruch der Kamera-Verkaufszahlen, hier insbesondere im Bereich der DSLRs, sich im Wesentlichen auf den Bereich der billigen Einsteiger-APS-C-DSLRs bezieht.
Dazu noch eine Auswertung aus den CIPA-Zahlen:
Hierzu habe ich die Differenz
Verschiffungszahl Kameras - Verschiffungszahl Objektive
für Vollformat und die “Kit-Zooms” gebildet. Dabei bin ich mir bewußt, daß in der CIPA-Zahl für Zooms < 35mm auch die höherwertigen Zooms für MFT und Fuji APS-C enthalten sind - diese dürften aber zu vernachlässigen sein (siehe Preise oben):

Die Grafik zeigt eindrucksvoll:
- Während die Kamera- wie auch Objektivverschiffungszahlen um 2012 ein Maximum erreichen, wird auch die Abweichung der Zahlen für die Vollformat-Objektive (hier habe ich alle zusammengefaßt) maximal - der Kamera-Verkaufspeak ist an den Vollformat-Linsen völlig vorbeigegangen (blaue Linie).
- Demgegenüber wurde im gesamten Zeitraum im Bereich der “Kit-Zooms” m. o. W. pro Kamera (egal welcher Art und Sensorgröße! Hier unterscheidet die Statistik der CIPA nicht) ein Zoom-Objektiv für die Formate APS/MFT verkauft (rote Linie). Die Zahl der verschifften Objektive dieser Art folgt der Zahl der verschifften Kameras mit einer Differenz von max. 3 Mio. Stück (das sind 18% der Gesamtkamerazahlen).
In den Jahren des Maximums der Verschiffungszahlen wurden also etwas mehr als 1 Kit-Zoom pro Kamera geordert.
Meine Schlußfolgerungen
Vor zwei Jahren hab ich dazu geschrieben:
Mir scheint es, also ob nach dem Segment der Kompakt-Kameras nun auch das klassische Konsumer-DSLR-Segment sich im Tiefflug befindet - in den Zahlen repräsentiert durch die APS-C - Zooms als Kitlinsen. Demgegenüber scheinen sich die eher gehobenen Modelle sowohl im Vollformat- als auch im Bereich der kleineren Sensor-Formate noch relativ stabil zu halten.
Und daran ist bis heute nichts Falsches zu finden - und stützt auch die Entscheidung von Nikon, die ich eingangs erwähnt hatte.
Der klassische Käufer einer 300EUR-Familienknipse mit Kit-Zoom nutzt heute offenbar lieber den Taschenspion …
Nachtrag 16.03.2021
Gestern abend erschien dieser interessante Artikel auf Nikon Rumors, der die ganze Situation noch in größerer Tiefe erörtert, aber im Kern bestätigt: Consumer-Kameras (also sowohl Einsteiger-DSLRs als auch Einsteiger-Spiegellose) werden nicht mehr gebraucht.
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